Experiment Philosombrie

Die Liebe zu den Kräften, die im Schatten liegen

von Marcus v. Schmude

Für viele Menschen ist der spirituelle Weg kein Pfad der Selbstliebe, sondern ein permanenter Krieg gegen sich selbst. Egal, ob die Persönlichkeit optimiert oder das Ego ausgerottet werden soll – irgendwas ist immer falsch. Marcus v. Schmude plädiert dagegen für ein empathisches Willkommenheißen unserer Unvollkommenheit und lädt die bisher bekämpften Dämonen zum fröhlichen Tanz ein.

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Das gelobte Land, das Ziel unserer Sehnsüchte: Es lag irgendwie schon immer jenseits. Jenseits dieser schnöden Welt wartete die Erlösung auf den guten Christenmenschen. Jenseits der Meere sollten dann Milch und Honig fließen – im Zeitalter der weltlichen Eroberer. Jedes Mal jedoch, wenn die Konquistadoren eine neue Welt betraten, bedeutete das für die dort Ansässigen nichts als Gemetzel und Versklavung (im Namen des Gottes der Nächstenliebe und Barmherzigkeit, nebenbei bemerkt). Alles, was dort anders war, was sich nicht fügte, was nicht nutzbar erschien, wurde vernichtet oder den Vorstellungen der Eroberer gleichgemacht.

In letzter Zeit suchen viele von uns das gelobte Land nicht mehr im transzendenten Himmelreich oder jenseits der Ozeane, sondern in ihrem eigenen Inneren. „Im Außen wirst Du keine Erlösung finden!“ lautet der spirituelle Schlachtruf. Immer noch glauben wir jedoch, „es“ liege jenseits dessen, was wir heute sind. Psychologie. Selbsterfahrung. Spiritualität. Hurra, wir überwinden uns! Doch seltsam: Irgendetwas ist bei dieser Wendung nach innen in seinem Wesen gleich geblieben. Denn die Art, wie wir die eigenen Seelenwelten erobern und zerfurchen, hat häufig noch immer etwas Gewaltsames. Etwas vom Kontrollzwang Gequältes. Im Namen des inneren Friedens gehen wir härtestmöglich mit uns ins Gericht und stellen fest: Wir müssen anders werden! So, wie wir sind, sind wir nicht gut genug. Da drinnen walten Kräfte, die wir nicht im Griff haben. Die ihr Eigenleben führen. Die sich unserer Herrschaft entziehen! Ein Skandal. Schauen wir uns ehrlich an: Wir sind wütend, angstvoll, neidisch, traurig, gierig, voller gewaltsamer oder trübsinniger Gedanken und überhaupt geistig etwas eingeschränkt. Unser Inneres ist ein Dämonenpfuhl der Unvollkommenheit. Wir verkörpern nur allzu selten reine Liebe, das Licht des Erzengels Gabriel oder das unbefleckte Zeugenbewusstsein. Und wir mögen uns dafür nicht leiden! Oder dafür nicht, dass wir es noch immer nicht geschafft haben, uns leiden zu können. Einen Grund finden wir immer.

Die Destruktivität von Idealen

Wie überaus anstrengend. Auch die schönste Befreiungs-Vision verwandelt sich offenbar, zum Ideal erhoben, in eine Gelegenheit zur Selbstgeißelung. Weil wir nie ankommen, weil wir immer hinter unseren Ansprüchen zurückbleiben. Wir tapferen Eroberer der Innenräume! Offensichtlich sitzen viele von uns ganz schön in der Falle. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass an dem ganzen Entwicklungs-Paradigma, dem wir anheimgefallen sind, irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Möglicherweise braucht es etwas Anderes. Ein tiefes Durchatmen. Eine neue Ausrichtung. Wo ist die Tür, die aus dem Irrsinn führt? Gibt es ein Leben jenseits des psycho-spirituellen Selbstoptimierungs-Terrors? Und wie könnte es beschaffen sein?

Es mag provozierend und gefährlich klingen, doch viel spricht dafür, dass „der neue Weg“ ein a-moralischer sein könnte. Damit ist nicht gemeint, dass wir völlig indifferent und wert-frei werden und es nicht mehr überwindenswert finden, wenn Kindersoldaten sich gegenseitig mit Maschinengewehren niedermähen oder jedes Jahr in Deutschland 150.000 Vergewaltigungen stattfinden. Damit ist gemeint, dass wir uns eine Haltung aneignen, die den Akzent nicht länger auf moralische Urteile und rigide Zielvorstellungen legt, sondern auf: Verstehen. Warum ist es so wie es ist? Welche Kräfte wirken da? Die Kräfte unseres Inneren verstecken sich, und zwar absolut nachvollziehbarerweise, wenn wir uns ihnen von vornherein mit Wertungen nähern, mit fixierten Ideen, was „gut“ ist und was „böse“. Sie sind wahrlich schon beschämt genug und ertragen keine weitere Demütigung. Was sie an „Jenseits“ bräuchten, ist ebenso einfach wie selten: Sie brauchen wissende Zeugen (Alice Miller) mit einer Grundhaltung, die jenseits liegt von “richtig” und “falsch”.

Mensch sein

„Hinter jedem Handeln liegt ein guter Grund“, erklärte Marshall Rosenberg, der Grandseigneur der Gewaltfreien Kommunikation – selbst wenn das Handeln noch so „tragisch“ ist. „Tragisch“ nannte Rosenberg menschliche Aktivitäten, welche die Bedürfnisse nicht erfüllen, ja nicht erfüllen können, denen sie scheinbar dienen: Wenn ich zum Beispiel Liebe bekommen will, indem ich mir eine Helfer-Identität zulege und etwas zu geben versuche, das ich gar nicht habe. Oder wenn ich diese Liebe von meiner Partnerin fordere. Es soll sogar Menschen gegeben haben, die die halbe Welt in Schutt und Asche legten, im Versuch, das schwarze Loch ihres Inneren mit einer absurden Form von Anerkennung zu füllen. Bei genauer Untersuchung solch fehlgeleiteter „Strategien“ treffen wir am Ende stets auf etwas, das wir übergangen haben: auf ungefühlte Gefühle; unerfüllte Bedürfnisse; auf verdrängte Anteile unserer selbst. Und hier eröffnet sich auch schon die Lösung: Wir können einander anbieten, das Gefühl oder „die Energie“ sich zeigen zu lassen, indem wir ihnen einfach Raum geben; es dasein lassen. Nicht mehr. Nicht weniger. Und wir können fragen, ob es schönere und erfolgversprechendere Möglichkeiten gibt, das hinter einem dysfunktionalen Verhalten liegende Bedürfnis zu erfüllen. Wie wäre es, wenn wir lernten, auf diese fast vergessene Weise Mensch zu sein, bevor wir uns heillos mit Erleuchtungs-Idealen überlasten, die jenseits des Fühlens, Wollens und Brauchens liegen? „Ich bin ein Mensch. Ich fühle und ich sehne! Ja.“ Das ist der erste Schritt. Mit Verlaub: Jede Reise, die nicht bloß ein Traum ist, beginnt mit dem ersten Schritt. Und der erste Schritt beginnt: Genau hier. So, wie wir sind. Nicht, wie wir gerne wären.

Teufelsaustreibung ade

Für die Morgenland-Expeditionen zu uns selbst kann eine solche Haltung eine ungeheure Entspannung bedeuten. Wo ich bisher auf lauter Gegner traf, wenn ich mein Inneres vorbehaltlos betrachtete, auf lauter miese, überwindungswürdige Eigenarten und finstere Motive, finde ich jetzt nurmehr Kräfte vor, die alle ihren Sinn haben und ihre Geschichte. Aus dieser Geschichte, aus ihrer subjektiven Wirk-Lichkeit heraus, handeln all unsere inneren Anteile völlig rational. Und sie glauben, „Gutes“ zu verrichten, ausnahmslos. Behandeln wir sie also mit Respekt. Und Lockerheit: “Guten Morgen, meine ewige Nörgelei! Hallo alter Neinsager! Du also wieder. Wie geht’s dir heute? Möchtest du mir etwas sagen? Oder zeigen? Können wir vielleicht sogar gemeinsam etwas tun, das fruchtbar ist? Wollen wir nachschauen, wie du entstanden bist? Ach, du willst einfach nur mal so ein bisschen „sein“? Okay, dann los! Ich bin gespannt.”

Es ist offenbar ein unverrückbares Gesetz im Reich der Seele, dass es unmöglich ist, etwas loszuwerden, das wir unbedingt überwinden wollen. Ein lebendiger Frieden hingegen kann sich entwickeln, wenn wir den Rumpelwichten und Alpträumen in uns eine echte Existenzberechtigung erteilen. Aber keine Tricks! Das Erteilen einer Existenzberechtigung, das nur darauf aus ist, dadurch umso besser vernichten zu können, was wir nicht als Anteil unserer selbst akzeptieren, funktioniert nicht. Im Reich der Psyche stärken wir, was wir bekämpfen. Und wir lassen weich werden, was wir willkommen heißen. Dämonen, die leben dürfen, zerstören uns nicht. Sie verlieren das Interesse daran! Wir halten viel darauf, das Mittelalter überwunden zu haben. Historisch. Nun wäre es an der Reihe, auch unser persönliches Mittelalter zu beenden und das Zeitalter der Teufelsaustreibungen wirklich hinter uns zu lassen. Stattdessen können wir mit den wilden, irren, empfindsamen, unheimlichen, schöpferischen Welten in uns einen verqueren Tanz beginnen. Als Anfang einer bedingungslosen Freundschaft mit uns selbst. Denn nur Bedingungslosigkeit heilt wunde Herzen.

Aber tut mir einen Gefallen – erhebt jetzt nicht gleich DAS wieder zu einem moralischen Anspruch. Denn das wäre bloß: Schon wieder Mehr-des-Gleichen. Seid gnädig. Zu Euch. Und zu den Anderen. Und zu mir. Meine Güte! Es ist höchste Zeit.

 

“Komm, komm, wer immer du bist, selbst wenn du deine Schwüre tausendfach gebrochen hast …”
Rumi, bei der Gründung des Sufi-Ordens


Zuerst erschienen in der Zeitschrift „Sein“, April 2010. Überarbeitete Fassung.